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  • Anne Albers

Scherbentag

Die Glassplitter knackten unter meinen Schuhen, als ich in ihr Zimmer ging. Julia kauerte in der Mitte auf dem Teppichboden, Splitter und Scherben um sie herum.


Die Glassplitter knackten unter meinen Schuhen, als ich in ihr Zimmer ging. Julia kauerte in der Mitte auf dem Teppichboden, Splitter und Scherben um sie herum. Ihr großer Spiegel und der Computer waren zerschmettert, Bücher, Zettel, Ordner wie ein Scheiterhaufen übereinandergeworfen. Sie hatte die nackten Arme um ihre Knie geschlungen. Feine, blutige Schnitte sprenkelten über ihre Hände. Ihr spitzes Kinn wartete auf ihren angewinkelten Knien. Sie kippte ihren krähenschwarzen Kopf leicht zu mir. „Hab ich doch gesagt, dass Hanna kommt. Glauben Sie mir jetzt, dass es sie gibt?“, sagte sie, lachte schrill und leckte sich über die trockenen Lippen.


Zwei Polizisten lehnten mit ihren Rücken an Julias Bücherregal. Die eine löste ihre vor der Brust verschränkten Arme, hob die Augenbrauen und nickte mir zu. Der andere sah mich an, zog seine Schultern gerade und steckte die Daumen in den Gürtel.


Über die knirschenden Splitter ging ich zu Julia, beugte mich zu ihr runter und hielt ihr meine Hand hin. Dann lag ihre rau und klebrig in meiner. Das fühlte sich beinahe tröstlich an bei der Starre, die in mir war, seit er mich angerufen hatte.


Ein nervöses Husten hinter mir. Julias Mitbewohner stand jetzt in ihrer Zimmertür, fuhr sich durch die lockigen Haare. Schweißflecken unter seinen grauen T-Shirt-Achseln. Hatte er mir aufgemacht? Hatte ich „Hallo“ gesagt?


Brüchig, aufgeregt hatte er am Handy geklungen: „Hanna, kannst du kommen? Julia zertrümmert ihr Zimmer. Alles ist voller Splitter. Ich kann sie nicht beruhigen … Die Polizei ist hier. Hatte Angst, dass sie sich was antut. Die müssen Julia zur Sicherheit mitnehmen. Aber sie will nicht. Sie geht nur freiwillig mit, wenn du dabei bist, sagt sie. Verstehst du? Die nehmen sie sonst in Zwangsjacke mit.“


Mit dem Polaroid-Foto in der Hand denke ich wieder daran. Darauf Julia und ich, Kopf an Kopf, mit Wintermützen mitten im Sommer. In Semesterferien-Laune. Prosten uns mit zwei knolligen Astra-Pils auf dem Selfie zu, das man damals noch nicht so nannte. Krähenschwarz gefärbte Haarsträhnen schauen aus Julias Mütze. Sie lächelt weit mit ihren geraden weißen Zähnen, um die ich sie immer beneidete. Aber ihr Blick irritiert mich. Ihre dunkelbraunen Augen sind nach oben gekippt. Als würde sie etwas sehen, was nicht da ist. Ich erinnere mich, dass sie häufig auf diese Weise guckte, wenn sie mir etwas erzählte. Ihre heisere Stimme schrillte dabei auf und sie verlachte ihre Worte, selbst wenn sie nichts Witziges erzählte. Manchmal berührte mich das unangenehm, aber das nächste Astra stand meist schon bereit. Julia ist eben ein bisschen hysterisch, dachte ich.


Ein paar Tage vor den Scherben erzählte sie mir, dass sie dem blonden, gutgelaunten Surfertyp aus unserer Referatsgruppe unbedingt ihre Liebe gestehen müsse. Aber ich hatte das Gefühl, dass sie gar nicht ihn meinte und auch nicht ihren braun gelockten Mitbewohner, mit dem sie was hatte und der sie mit seinem Jeep hinfuhr, wo immer sie wollte.

„Willst du das wirklich, Julia?“, fragte ich sie.

„Warum nicht?, sagte sie, „Ich finde den so toll. Ich will den unbedingt haben“.

Ihre Stimme zerbröselte und ihr Blick kippte aus ihr heraus. In mir bäumte sich was auf, aber ich merkte, dass Worte sie nicht erreichen konnten. Sie würde seelennackt dastehen vor dem Surfertyp. Er würde sie nicht wollen und nicht vor ihrer eigenen Scham bewahren, ahnte ich.


Dann rief sie mich mitten in der Nacht an: „Ist gerade so geil. Alle Autofahrer schauen mich an. Ich tanze auf der Straße vor dem Haus. Komm doch auch.“ Mein Herz fuhr aus dem Halbschlaf hoch wie nach zu vielen Cappuccinos und Zigaretten. „Julia, geh lieber rein zu euch und tanz da weiter. Oder leg dich einfach mal hin. Bist ein bisschen durch, glaube ich“, sagte ich ihr und rief gleich danach ihren Mitbewohner an. Der erzählte mir am nächsten Tag, sie sei „völlig durchgeknallt“, habe sich auf der Straße bis auf die Unterwäsche ausgezogen und sei vom Bürgersteig auf den Vierspurer getanzt. – Da dachte ich noch, es läge am vielen Alkohol und an dem, was sie dazu eingeworfen hatte.


Der Scherbentag. Ich nahm Julia an die Hand und fühlte dabei nur ein taubes Tunmüssen. Die beiden Polizisten nickten mir zu. Wir gingen zu viert in den schmalen Fahrstuhl in ihrem Studenten-Hochhaus. Ich spürte ihren großen Körper neben mir, wich ihren Schultern aus, die mich überragten. Vor mir der ledrige Geruch der Uniformjacken.


Auf dem kurzen Weg zum Streifenwagen gingen die Polizisten wie Leitplanken neben uns her. Als nächstes erinnere ich mich an einen kahlen Raum in dem Revier. Wir saßen nebeneinander auf einer Liege. Ich lehnte mich nach vorne, stützte mich in meine Schultern und schaute auf meine schwarzen Chucks, die in der Luft baumelten. Julia machte es mir nach, ihre männergroßen Doc Martens streiften dabei den Boden. Redeten wir?


Nach einer Weile baten die Polizisten erst Julia und danach mich in einen anderen Raum mit Tisch: „Hat sie schon mal psychische Probleme gehabt?“ „Nimmt sie Medikamente?“ „Halten Sie es für glaubwürdig, dass ihr Vater sie missbraucht hat?“ Sie fragten vieles, auf das ich keine Antwort hatte. Ich schämte mich dafür. Weil Julia sich an mir festhielt und ich dessen eigentlich nicht würdig war. Wieso wusste ich so wenig von ihr?


Als ich die Wache verließ, war Julia auf dem Weg nach Ochsenzoll, in die Geschlossene wegen Suizidgefahr. Ich besuchte sie dort, als man es wieder durfte. Ihr Zimmer war hell und leer. Das Sonnenlicht fiel grell durch das speckige Fenster ohne Griff. Ihr Bett erschien mir übergroß und aufgebockt in dem Raum. Ihre krähenschwarzen Haare, die sich am Ansatz wieder braun färbten, waren der einzige Kontrast. Wir sprachen belanglos, ohne Nähe. Ihr Blick folgte ihren Worten nicht, sondern hielt sich rechts oben fest wie an einer Erscheinung.


Ein, zwei Monate später schrieb sie mir. Es ginge ihr besser. Sie sei bei ihren Eltern in Celle. Wie es mit dem Studium weiterginge, wisse sie noch nicht. Ich schrieb ihr einen wohl dosierten Brief zurück, mit dem ich mich abgemüht hatte. Danach kippte Julia aus meinem Leben wie sie zuvor aus ihrem.


Dass alles daran so flüchtig war, verunsichert mich am meisten, wenn ich das Polaroid anschaue von Julia und mir.


Bildnachweis: emoji / photocase.de


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