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  • Anne Albers

Der Windkraftpionier

Joachim Fuhrländer tüftelte schon in den Achtzigerjahren an seinem ersten Windrad. Mit seiner Fuhrländer AG verkaufte er Windkraftanlagen in die ganze Welt. Doch in der Finanzkrise verlor er seine Firma und seinen Halt. Dann fand er die Kraft für einen Neubeginn.



Joachim nimmt den Emaille-Becher, der im Stall am Nagel an der Wand hängt, streicht der Kuh über die kräftige Flanke und melkt einen Becher voller warmer Milch. Seine Großmutter hat ihm gezeigt, wie er die Kraft seiner Kinderfinger dabei einsetzen muss. Jahre später hält seine junge Männerhand den Griff des schweren Hammers in der Schmiede seines Vaters und schmettert ihn auf den Amboss nieder. Draußen fährt der kalte Wind durch die Bäume in seinem Dorf. Joachim kennt die Kraft dieses Windes und seine eigene. Er weiß, wie er sie nutzen wird: Er will Windräder bauen. „Ich konnte hart arbeiten, sei es als Schmied, Schweißer oder Bauer. Doch ich träumte von Dingen, die ich bauen wollte, von denen viele Menschen einen sinnvollen Nutzen haben könnten“, erzählt er. „Die Nutzung der Windenergie wurde zu einer faszinierenden Idee, die mich nicht mehr losließ.“

  Vom Schmied zum Unternehmer

Joachim Fuhrländer hat viele Windräder gebaut. Die Schmiede seines Vaters in Waigandshain, einem Dorf mit weniger als 200 Einwohnern in Rheinland-Pfalz, verwandelte er binnen zweier Jahrzehnte in ein millionenschweres Unternehmen mit 700 Mitarbeitenden. „Wir waren in den 1990ern voller Energie und glaubten an die Erneuerbaren Energien“, sagt er. Aus dem kleinen Betrieb, der landwirtschaftliche Maschinen reparierte, wuchs die Fuhrländer AG, die Windkraftanlagen in die ganze Welt verkaufte. Sie war Vorreiter der Windenergie in Ländern wie Japan, China und Vietnam, Bulgarien, Polen und Südafrika.

 

An seiner ersten Anlage tüftelte er schon Mitte der 80er-Jahre. „Zu dieser Zeit waren Windräder noch etwas für Ökospinner“, sagt der heute 64-Jährige. Er ließ sich mitreißen von den damaligen Protestbewegungen gegen die Atomkraft, er suchte nach Alternativen zur fossilen Energie. In der kirchlichen Jugendarbeit des CVJM im Nachbarort, in der er sich seit seiner Teenagerzeit engagierte, diskutierten sie häufig darüber. „Wie können wir die Schöpfung bewahren?“, war ihre bange Frage. Fuhrländer wollte eine Lösung finden, die Welt ein wenig besser machen.

 

Aufstieg zum Vorzeigechef

Nach dem schnellen Wachstum seiner Firma wurde er von Prominenz und Politik hofiert. Fuhrländer war einer der erfolgreichsten Aufsteiger in der innovativen Branche Windenergie. Man zeigte sich gerne mit ihm und fuhr busweise auf dem Firmengelände vor, um seinen Vorzeigebetrieb zu besichtigen. Äußerlich fiel er als Firmenchef aus dem Rahmen: Mit seinen langen, lockigen Haaren, seinen blauen Augen unter buschigen Augenbrauen, und einem Vollbart, der mal mehr, mal weniger rauschte, sah er aus wie einer, den nichts so schnell umweht. „Ich wollte nie aalglatt sein. Gegen dieses Bild eines Unternehmers habe ich mich immer gesträubt“, sagt er, der die skeptischen Blicke der Sekretärinnen genoss, die ihn in den Chefetagen häufig am falschen Ort wähnten: „Sind Sie sicher, dass Sie einen Termin mit Herrn Direktor haben?“

 

Auch sonst ging er unkonventionelle Wege, war bekannt dafür, dass er Jugendlichen eine Lehrstelle gab, die keinen Schulabschluss hatten oder straffällig geworden waren. Über 180 Auszubildende hatte er zweitweise. Er wollte ihnen Chancen geben, auch immer wieder neue. Gnade statt Strafe, war sein inneres Motto. Diese Haltung faszinierte ihn an Jesus in den biblischen Geschichten, die er im Konfirmandenunterricht zum ersten Mal gelesen hatte. „Wir haben den jungen Menschen vermittelt: Du bist gewollt!“, das sei ein Zuspruch, den viele zuvor noch nie gehört hätten. Für seine Ausbildungsarbeit wurde ihm das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.

  Hohes Lebenstempo

Das war 2007. Da lebte Fuhrländer schon allein, getrennt von seiner ersten Frau, die er 1981 als 22-Jähriger geheiratet hatte. Ihre drei Kinder sind mit der Fuhrländer AG groß geworden. „Ich war sehr viel auf Reisen, um unser internationales Geschäft aufzubauen. In der Zeit habe ich meine Familie stark vernachlässigt, das weiß ich heute“, offenbart er. Er lebte für die Firma, spürte und trug viel Verantwortung für seine Mitarbeitenden und Auszubildenden, auch während schlafloser Nächte, sagt er. Aber er liebte „die große Gemeinschaft in der Firma“, die dynamisch war und ausstrahlte.

 

Ein Teil davon war die Fuchskaute, ein Gasthof mit Hotel, den sein Unternehmen im Jahr 2005 als in die Jahre gekommenen Betrieb übernommen und modernisiert hatte. Er wurde zum Anziehungspunkt. Zu Veranstaltungen wie einem Public Viewing während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 oder einem Motorradgottesdienst kamen tausende Menschen. Fuhrländer ließ seine Geschäftspartnerinnen und -partner aus der ganzen Welt dort bewirten. „Bei einem Essen schaut man sich in die Augen und spürt, ob man sich vertrauen kann“, erzählt er. An der Scheunenwand der Fuchskaute ließ er ein großes Kreuz anbringen und in der Speisekarte Tischgebete abdrucken. „Es gibt ein Bedürfnis nach Halt. Viele Menschen wollen an irgendwas glauben. Also habe ich „das Irgendwas“ konkretisiert. Auch, weil wir dazu neigen unsere Seele zu vernachlässigen. Ein Tischgebet ist ein Anstoß innezuhalten.“

Expansion und Absturz 

2008 lief das Geschäft für die AG so gut, dass das Firmengelände in Waigandshain an seine Kapazitätsgrenze stieß. Deshalb baute Fuhrländer am wenige Kilometer entfernten Siegerland-Flughafen ein neues Gebäude für Produktion und Verwaltung – ein großer Schritt für den Mittelständler. Doch 2012 kam für sein Unternehmen der Fall: Nachdem die Finanzkrise die Welt erschüttert hatte, strichen die Banken der Firma die Kredite. Verschiedene Rettungsversuche scheiterten, Fuhrländer musste aus seinem eigenen Betrieb ausscheiden, schließlich meldete das neue Management den Konkurs der AG an. Dem Insolvenzverwalter, der die Firmenpleite verhindern wollte, blieb zu wenig Zeit. Fuhrländer fühlte sich von Politik und Banken fallengelassen: „Es hätte den Staat nicht viel gekostet unsere Firma zu retten. Wir hatten laufende Serviceverträge für über 700 Windkraftanlagen.“ 

  Ein gnadenloses Klima

Er stürzte in eine Lebenskrise. „Wozu sollte ich morgens aufstehen? Ich sah keinen Sinn mehr“, sagt er. Die vielen Finger, die auf ihn zeigten, und seine eigene Scham drängten ihn in die Isolation. Er traute sich nicht mehr vor die eigene Haustür oder sonntags in die Kirche. Es trieb ihn um, dass er die Verantwortung für seine Mitarbeitenden nicht mehr wahrnehmen konnte. „Wer in Deutschland mit einer Unternehmung scheitert, bekommt die ganze Härte zu spüren. Da herrscht hier ein gnadenloses Klima“, erzählt er. Noch heute sprächen ihn manchmal Menschen an: „Sind sie nicht der pleitegegangene Windkraftunternehmer?“

 

Fuhrländer trank damals viel Alkohol, kam morgens nicht aus dem Bett. Bis ein „leiser Engel“ morgens an seine Tür klopfte und ihn bat aufzustehen, damit sie das Bett neu beziehen konnte. Das war Ina, die früher als Haushaltskraft für ihn gearbeitet hatte, und nun für ihn da war, sich einfach kümmerte. Er holte sich professionelle psychologische Hilfe und sah trotzdem jahrelang kein Licht: „Ich hatte meinen Halt verloren, aber nicht meine Haltung. An Gott habe ich in der Zeit nicht gezweifelt. Ich habe ihn nicht für mein Scheitern verantwortlich gemacht oder für das Versagen von Politik und Banken. Aber ich konnte mir selbst lange nicht vergeben.“ 


Endlich Kraft neu anzufangen 

Schließlich zwang ihn eine Diabetes-Erkrankung gesünder zu leben, Fuhrländer wurde leichter – seine Tage auch. Er lernte die Violinistin und Kapellmeisterin Anna Hoppa kennen, die das Kurorchester in Bad Füssingen anführt. Sie heirateten 2018, pendeln seitdem zwischen ihrem Haus in Niederbayern und dem Firmenbüro in Waigandshain hin und her.


Ein Jahr später fand er auch die Kraft für einen beruflichen Neustart: Mit seinem Unternehmen AFREECA will er wieder Pionierarbeit leisten und mit kompakten Solaranlagen Krankenhäuser, Schulen und die Landwirtschaft in abgelegenen Gebieten Afrikas mit Strom versorgen. Er erzählt ein konkretes Beispiel: „Dr. Beatrice Viave hat in Kumasi in Ghana ein Krankenhaus für Brustkrebspatientinnen. Sie möchte ein MRT-Gerät betreiben, um Gewebe und Organe untersuchen zu können. Das ging aber bisher nicht, weil dort 15-mal am Tag der Strom ausfällt. Wir installieren dort ein alternatives Energiesystem, das über Batterien Energie speichert und dem MRT dann zur Verfügung stellt, wenn es auszufallen droht.“

 

Zudem will er mit seinem Team in Ghanas Hauptstadt Accra eine Akademie für erneuerbare Energie aufbauen und junge Leute in den damit verknüpften Berufsfeldern ausbilden. „Das ist eine Herausforderung. Aber die brauche ich, um mich lebendig zu fühlen“, sagt er. Für ihn ist klar, dass Afrika besondere Aufmerksamkeit verdient: „Dieser Kontinent ist jung und ressourcenreich. Dort werden wirtschaftliche Zukunft und Völkerwanderung entschieden.“


Viele Chancen zur Erneuerung 

Über seinen persönlichen Prozess der letzten Jahre hat er ein Buch geschrieben. „Ich möchte zeigen, dass es viele Chancen zur Erneuerung gibt. Das macht uns schon die Schöpfung vor“, sagt er. In seinem Buch „Erneuerbar“ mahnt er aber auch, dass es für unsere Erde bereits kurz nach 12 sei: „Die Geschichte der Erde ist sehr alt, aber wir haben während eines Jahrhunderts gravierende Dinge verändert. Wir fliegen, wir fahren mit 200 Kilometern pro Stunde auf der Autobahn, verbrennen Öl und Gas in wahnsinnigen Mengen. Innerhalb weniger Generationen brauchen wir unsere Ressourcen auf. Deshalb müssen wir auf die Kraft der erneuerbaren Energien setzen.“

 

Zu seiner Erneuerung gehören auch solche Momente, in denen „ehemalige Mitstreiter anrufen und bei AFREECA mitmachen wollen“, erzählt er. Selbst der ehemalige Insolvenzverwalter der Fuhrländer AG sei inzwischen mit eingestiegen. „Da fühle ich, dass wir damals auch vieles richtig gemacht haben.“

 

Heute weiß er wieder, warum er morgens aufsteht.Das tut er meist um 5.30 Uhr. Dann kocht er für seine Frau Anna und sich Kaffee. Sie nehmen sich Zeit zum Reden am frühen Morgen, dennspäter ist bei ihnen zuhause viel los.Häufig sind Musiker aus aller Welt und Mitarbeitende aus Afrika zu Gast. Dann arbeitet er wieder mit den Händen, aber anders als früher: Er schält Kartoffeln, kocht für alle und putzt. „Dabei spürt er das Leben“, sagt er.


Erschienen 2024 in: gomagazin.de, Ausgabe 29


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