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  • Anne Albers

Der Solarpionier

Der Schweizer Unternehmer Josef Jenni entwickelt seit den Siebzigerjahren alternative Energietechnik. Dafür wurde er mehrfach ausgezeichnet. Statt seinen Ruhestand zu genießen, kämpft er weiter für die intelligente Nutzung von Sonnenenergie.



»Ich gehe selten arbeiten«, sagt Josef Jenni. Dabei ist er 50 Stunden in der Woche mit alternativer Energietechnik beschäftigt. »Für mich ist es generell so, dass ich mit und in der Firma lebe«, erzählt er. Meist klingelt sein Wecker um halb sechs Uhr morgens, um kurz vor sieben ist er im Büro. Dafür geht er nur ein paar Meter von seiner privaten Wohnung hinüber zum Firmengebäude seiner Jenni Energietechnik AG, die auf dem gleichen Gelände im Schweizer Oberburg liegt. Jenni könnte reisen, Touren mit seinem E-Fahrrad unternehmen und es sich gut gehen lassen, denn der 70-Jährige ist offiziell seit fünf Jahren im Ruhestand. »Damit hat meine Arbeit eine gewisse Freiwilligkeit. Ich helfe, wo Engpässe sind, und tue, was der Firma gerade dient. Ich bin auch nicht mehr besonders teuer für sie. Ich bin der Meinung, dass mich das jung hält. Mir ist nie langweilig«, sagt er beinahe spitzbübisch lächelnd. Er geht gern in die Produktionshalle seines Unternehmens und begleitet neue Mitarbeiter. »Dafür haben unsere Monteure aktuell keine Zeit«, sagt er. Denn seit der Energiekrise sind seine mehr als 80 Mitarbeitenden überbeschäftigt. Auf einmal fragen die Leute von überall her nach Solaranlagen mit Wärmespeichern und alternativen Energietechniken, für die die Firma Jenni bekannt ist. 


Früh engagiert für den Klimaschutz

Josef Jenni engagiert sich seit fünfzig Jahren dafür. Er gilt als der Solarpionier. Schon während seines Studiums zum Elektroingenieur wurde er zum Kritiker fossiler Energien und zum Klimaschützer. Als er in den 1970er-Jahren die Studie »Die Grenzen des Wachstums« des Club of Rome las, die in verschiedenen Szenarien die Zukunft der Weltwirtschaft mit den begrenzten Rohstoffvorräten darstellt, war das für ihn der Auslöser zu handeln. „Ich habe mit drei Studienkollegen eine nationale Volksinitiative in der Schweiz angeschoben für die Einführung von zwölf autofreien Sonntagen. Das hat sehr viel Arbeit gemacht. Aber dabei habe ich gelernt zu arbeiten, wie man verhandelt und Dinge organisiert.“ 


Für ihn war klar, dass nur eine nachhaltige, sinnstiftende Arbeit für ihn infrage kommt. Deshalb gründete er 1976 nach seinem Studienabschluss, ganz ohne Kapital, seine eigene Firma. Er stellte im Keller seiner Eltern Steuerungen für Solaranlagen her und verschrieb sich ganz den erneuerbaren Energien. »Die ersten zehn Jahre in der Firma habe ich praktisch nichts verdient. Am Anfang haben meine Eltern für meinen Unterhalt gesorgt, später meine Frau Karin. Sie hat die Wohnung bezahlt und den Lebensunterhalt bestritten. Als sie dann mit in die Firma Jenni einstieg, sagte sie zu mir: Es gibt zwei Bedingungen. Erstens heiraten wir und zweitens kriege ich einen einigermaßen guten Lohn.«


Jenni machte auf seine Pionierarbeit mit einer innovativen Aktion aufmerksam, welche die Kraft der Sonnenenergie zeigen sollte: 1985 organisierte er die erste »Tour de Sol« vom Bodensee bis zum Genfer See, gemeinsam mit der Schweizerischen Vereinigung für Sonnenenergie. Das war das erste Rennen für Fahrzeuge, die mit einem Solarantrieb anstatt mit einem Verbrennungsmotor fuhren.


Ausgelacht zu werden, ist er gewohnt

Dennoch musste Jenni weiter um Aufträge für seine Firma kämpfen. Europaweit bekannt machten ihn seine Entwicklungen zur Solarthermie. Er speicherte das mit Sonnenkollektoren auf dem Dach erhitzte Wasser in großen Tanks. Dass diese Nutzung von Sonnenenergie ausreicht, um ein ganzes Haus ganzjährig zu versorgen, wollte ihm kaum jemand glauben. Aber ausgelacht zu werden, das war er inzwischen gewohnt.


Jenni trat den Beweis an: Zusammen mit seinem Bruder Erwin Jenni errichtete er in Oberburg das erste Wohnhaus Europas, das ganzjährig zu 100 Prozent autark mit Sonnenenergie versorgt wird, also ohne herkömmliche Heizung auskommt. Für mehr Bekanntheit bauten die Brüder noch einen Außenpool, der mit der überschüssigen Sonnenenergie beheizt wurde. Bei Minusgraden im Winter badeten die Brüder und Mitarbeiter der Firma darin. »Dieses Bild ging um die Welt«, erzählt Jenni. Das war 1990. Damals wohnten seine Frau Karin und er noch in der Wohnung über der Produktionshalle der Firma. Ihre Töchter Esther und Tabea waren schon auf der Welt. Danach folgte ihr Sohn Josef. Die Kinder sind inzwischen erwachsen, zwei arbeiten in der Firma mit. Aber die Energiewende ist nach einem halben Jahrhundert noch immer nicht vollzogen. Trotzdem wird Jenni nicht müde dafür zu arbeiten. »Die Beharrlichkeit sei meine beste und meine schlechteste Eigenschaft, meint meine Frau«, erzählt er schmunzelnd.

 

Arbeit geben, die Menschen dient

Er sieht auch Fortschritte: »Also rein marktmäßig passiert ja gerade einiges für die erneuerbaren Energien. Zudem hat es sicherlich positive Effekte, wieviel Strom beispielsweise in Deutschland heutzutage durch Wind erzeugt werden kann. Photovoltaik ist eher sommerlastig, im Winter leider etwas erbärmlich. Mir ist es wichtig, diese physikalischen Gegebenheiten richtig zu erfassen. Es hilft nichts, wenn wir uns Illusionen darüber machen, was erneuerbare Energien können und was nicht«, meint Jenni.


Die Schöpfung zu bewahren, ist für ihn als Christ ein wichtiger Antrieb in seiner Arbeit. Wertmaßstäbe auf Basis der Nächstenliebe versucht er so gut wie möglich in seinem Betrieb umzusetzen. »Nur gute Arbeit, welche den Menschen dient und Rücksicht nimmt, gibt Zufriedenheit«, steht auf seiner Internetseite. Er hat viele langjährige Mitarbeitende. Manche von ihnen traten bei Jenni Energietechnik ihre erste Stelle an und gehen nun in Pension. Jetzt rücken junge Leute nach.


Wenn es um das Arbeitsklima in seiner Firma geht, hält sich Jenni vornehm zurück, denn das sollen die Mitarbeitenden selbst beurteilen. Lukas Hiltbrunner, BWL-Student und Assistent der Geschäftsleitung, erzählt: „Wir haben große Freiheiten und es wird kein Druck ausgeübt. Wenn jemand mit der Arbeit nicht hinterherkommen sollte, schauen wir gemeinsam, wie wir Fortschritte erzielen können. In unserer Firma spürt man, dass wir gut miteinander umgehen.“


Bei einem erfolgreichen Jahresabschluss – 2022 war das bisher beste Jahr in der Firmengeschichte – profitieren alle davon: Ein Viertel des Gewinns wurde an die Mitarbeitenden ausgezahlt. Zudem spendete die Firma einen weiteren Teil des Gewinns an ein Altenheim-Projekt in Moldawien, für das sich einige Mitarbeitende auch praktisch engagieren. Jenni und seine Frau werden gemeinsam mit zwei befreundeten Paaren dort ihren Urlaub als Arbeitseinsatz verbringen: »Ich packe meine Werkzeugkisten ein. Als Elektroniker werde ich dort sicher einiges installieren und reparieren können. Und wenn gerade nichts zu tun ist, schaue ich mir mit meiner Frau die Umgebung an«, erzählt Jenni. Parallel werden LKWs mit in der Schweiz ausrangierten Pflegebetten und Möbeln, die lange auf seinem Firmengelände zwischenlagerten, nach Moldawien starten.


Seit Beginn wächst seine Firma durch engagierte Mitstreiter und Jennis Einfallsreichtum. Heute produziert sie große Solarspeicher und montiert Sonnenkollektoren, Solarzellen, Gesamt-Wärmesysteme, Wärmerückgewinnungsanlagen, Holzheizungen und vieles mehr. Auch für die Finanzierung seiner Projekte hat er unkonventionelle Ideen genutzt: Als er 1983 in Oberburg die erste Werkstatt baute, konnte er sich das nur leisten, weil er die Jenni Liegenschaften AG gründete und jeden dritten Kunden überzeugte, sich am Aktienkapital zu beteiligen. Danach finanzierten die Liegenschaften den Bau des zweiten und dritten Produktionsgebäudes und der nächsten Innovation: 2007 errichtete die Firma Jenni das erste ganzjährig solar-beheizte Mehrfamilienhaus Europas. Dafür wurde ihr Erfinder mit dem Energy Global Award ausgezeichnet. 2008 erhielt Jenni für sein Lebenswerk zugunsten der Solarenergie noch den Preis »Watt d'Or« vom Bundesamt für Energie.


In einer seiner sonnenversorgten Wohnungen lebt Josef Jenni inzwischen mit seiner Frau. »Für mich wäre es am idealsten, wenn ich dort leben würde, bis ich in einer Kiste die Wohnung verlasse«, sagt er. Wie es aussieht, wird das noch dauern. Jenni fühlt sich gut, ist viel mit dem E-Bike im hügeligen Emmental unterwegs, im Urlaub radelte er sogar von der Schweiz bis zum Nordkap.


Der Mix für die Energiewende

Ansonsten tüftelt er weiter. Er zeichnet, konzipiert und arbeitet gerne mit der Hand. Vieles davon lernte er vor seinem Studium in der Ausbildung zum Industrieelektroniker. Die Maschinen in seinen Werkhallen sind Eigenbau, die meisten entwickelte er selbst. Auf die »Coilabwickelanlage«, die große Blechtafeln zu Röhren für die Solartanks rollt, ist er besonders stolz. Jenni rechnet auch gerne. Nach seinen Berechnungen ist eine Kombination verschiedener erneuerbarer Energiequellen das Optimum. Dafür plädiert er seit Jahrzehnten. Die wichtigsten Säulen der Energiewende sind für ihn der Solarstrom und die solare Wärme. Denn die Energiewende sei nicht zu schaffen, wenn sie in den Köpfen vieler bloß eine »Stromwende« bedeute. Die Nutzung der thermischen Sonnenenergie sei gesamtheitlich betrachtet die umweltschonendste aller erneuerbaren Energien. Dann gebe es noch die dritte Säule mit anderen erneuerbaren Quellen wie zum Beispiel Energiespartechnik, Energiespeicherung und Einsatz von Biomasse.


Seine Tatkraft für den Klimaschutz und erneuerbare Energien brachte er auch politisch ein: Bis 2012 war er sechs Jahre lang für die Evangelische Volkspartei (EVP) Großrat im Kanton Bern, also Abgeordneter im dortigen Landtag. Das war ein Spagat. »Josef, was machst du hier eigentlich?«, dachte er an manchem Abend, wenn er nach einem Parlamentstag »nudelfertig« zu Hause ankam.


Immer noch gibt es viel zu tun. »Der weltweite CO2-Ausstoß schnellt weiter in die Höhe. Das ist brandgefährlich!«, sagt Jenni besorgt. Deshalb ist für ihn jeder gute Mitbewerber ein Kämpfer für das gleiche Ziel. »Wir brauchen europaweit noch viel mehr Leute, die an erneuerbaren Energien konkret arbeiten. Wir haben genug Wissen und Technik, die wir eigentlich anwenden könnten.«


Eine weitere Botschaft des Solarpioniers wird nicht gerne gehört: »Wir müssen bescheidener werden und den eigenen Energiebedarf reduzieren. Brauchen wir das alles wirklich?« Er selbst leistet sich keinen Luxus, der bei einem erfolgreichen Unternehmer vielleicht üblich wäre: Er besitzt kein Ferienhaus und auch kein großes Auto. Er fährt einen VW Polo mit Kleinstausstattung. Vom Boom der heutigen Elektroautos hält er nicht viel. Schwer und hochmotorisiert verbrauchten sie zu viel Energie. »Sind derart große und schnelle Autos wirklich nötig? Wir brauchen Entschleunigung, um Energie zu sparen – auch auf der Autobahn! Ich kann für mich sagen: Es kann sehr entspannend sein, wenn man nicht alles haben muss. Auch das ist Freiheit.«


Erschienen 2023 in: gomagazin.de, Ausgabe 28


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