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Neuer Takt für den Wandel

  • Anne Albers
  • 16. Dez.
  • 6 Min. Lesezeit

Der Musiker und Physiker Tobias Wollermann förderte jahrelang erfolgreich junge Musiktalente. Heute ist er Nachhaltigkeitschef bei der Otto Group in Hamburg. Warum gerade er?


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„Flugzeuge im Bauch.“ Seit Tobias Wollermann diesen Song von Herbert Grönemeyer hörte, wollte er am Klavier improvisieren können. Denn beim Improvisieren entsteht Neues und ist Raum für spontanes Zusammenspiel. Nach neuen Ideen sucht der Musiker und Physiker heute als Nachhaltigkeitschef der „Otto Group“.

 

Die Otto Group wurde nach dem Zweiten Weltkrieg als Versandhandel von Werner Otto gegründet. Das Familienunternehmen ist inzwischen zu einer international agierenden, digitalen Handels- und Dienstleistungsgruppe mit mehr als 36.000 Mitarbeitenden  gewachsen. Die Otto Group, zu der eine Vielzahl von Unternehmen, Marken und Beteiligungen gehören, ist in über dreißig Ländern aktiv, vornehmlich in Deutschland, Europa und Nordamerika. Die Einzelgesellschaft OTTO ist hinter Amazon der zweitgrößte Onlinehändler in Deutschland.

 

Als Wollermann 2019 als Nachhaltigkeitschef ins Unternehmen kam, brachte er Pioniergeist mit. Er hatte schon mehrfach gezeigt, dass er Neues aufbauen und innovative Projekte etablieren kann.

 

„Musik trägt mich durch alles durch“

Von seinem Elternhaus in Braunschweig zog er zunächst nach Osnabrück, um dort nach dem Abitur Musik und Physik zu studieren. „Ich lernte beide Fächer eigentlich auf Lehramt. Aber dann ergab sich die Möglichkeit der Promotion, bei der ich mich mit dem Zusammenspiel von Musik und Technologie beschäftigte. Währenddessen entwickelte ich den ersten Online-Publisher für Musikwissenschaft mit. Dann gründeten wir gemeinsam mit anderen Universitäten das „Zentrum virtUOS“, ein großes E-Learning-Projekt. Damals eine absolute Neuheit“, erzählt der 50-Jährige lächelnd.

 

Seine nächste Station war Mannheim. Ab 2004 baute er dort als Studiengangsmanager die „Popakademie Baden-Württemberg“ auf – die erste Musikhochschule, an der man Popmusik studieren konnte. Von dort holte ihn die Otto Group nach Hamburg, um ein neues Musikprojekt zu etablieren, für das Dr. Michael Otto bis heute die Schirmherrschaft hat: „The Young ClassX“. Das soziale Projekt engagiert sich für die musikalische Früherziehung und Förderung junger Menschen, auch aus weniger privilegierten Familien. „Mehr als 30.000 Kindern Musik nahe zu bringen und ihr Selbstvertrauen zu stärken, ist für mich von besonderem Wert“, sagt Wollermann.

 

Er selbst wurde von seinen Eltern schon mit vier Jahren zur musikalischen Früherziehung geschickt. Er lernte Blockflöte wie alle, dann Klarinette, Saxofon und Klavier. „Ich habe mich mit meinen Eltern in einer Kirchengemeinde engagiert und dort viel Musik gemacht. Musik hat mich durch alles, was ich bisher gemacht habe, immer durchgetragen. Sie lässt mich auch zur Ruhe kommen.“

 

Zwölf Jahre lang war Wollermann Geschäftsführer von „The Young ClassX“, nebenbei lehrt er bis heute als Honorarprofessor für unternehmerische Kulturförderung am Institut für Kultur- und Medienmanagement der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. Während dieser Jahre knüpfte er viele Kontakte mit EntscheiderInnen in Politik, Kultur und Wirtschaft. Auch innerhalb der Otto Group war er inzwischen gut vernetzt.

 

Vom Freigeist zum Konzernmanager

2019 machte Wollermann schließlich den Schritt in den Konzern. „Früher wurde ich oft als bunter Vogel wahrgenommen, der von außen zu Sommerfesten und Weihnachtfeiern mit Young ClassX Orchester, Band oder Chor und vielen fröhlichen Kinder kam. Im Konzern war ich dann in einer vorgegebenen Struktur. Darauf musste ich mich schon einlassen.“ Gereizt habe ihn die Möglichkeit sich zu verändern und Sinnstiftendes zu gestalten. „Ich war damals 45 und dachte: Wenn ich noch mal etwas anderes mache, dann jetzt. Außerdem motivierte mich, dass die Otto Group schon 40 Jahre Erfahrung in ihrem Engagement für Nachhaltigkeit hat.“

 

In seiner Rolle als Nachhaltigkeitschef kamen viele neue Themen auf ihn zu: „Nachhaltigkeit bedeutet unter anderem Klimaschutz, die Verantwortung für Menschenrechte und ökologische Themen in der Lieferkette, die Auswahl von Materialien bis hin zu Kreislaufwirtschaft, Chemikalienmanagement sowie Produktauslobung.“

 

Weg von starren Hierarchien

Das Thema Nachhaltigkeit ist für das Unternehmen nicht neu. Schon 1986 integrierte Michael Otto den Umweltschutz in seine Firmenstrategie. Als Wollermann den Bereich übernahm, waren dort rund 20 Mitarbeitende tätig. Die Otto Group befand sich mitten in einem Kulturwandelprozess – weg von starren hierarchischen Strukturen, hin zu offenem, kooperativem Arbeiten und mehr Mitbestimmung.

 

In der Zentrale der Otto Group in Hamburg-Bramfeld, in der Wollermann arbeitet, zeigt sich das heute auch räumlich: Der 70er-Jahre-Bau wurde entkernt, statt fester Arbeitsplätze gibt es dort nun Desksharing. Einzelbüros und separate Chefetagen wurden durch einsichtige Räume ersetzt. Meetingräume mit Mut zur Tapete können per App reserviert werden. Die offenen Sozialbereiche laden zur Begegnung ein, hier holen sich alle ihren Kaffee oder brühen sich wie Wollermann einen Tee auf. Trubelig ist es dort nicht gerade. Offenbar arbeiten gerade viele Mitarbeitende im Homeoffice.

 

Zuhören und Hürden aus dem Weg räumen

Bevor Wollermann seinen ersten Tag als Nachhaltigkeitschef bei der Otto Group hatte, lernte er erstmal alle Mitarbeitenden bei persönlichen Treffen kennen: „Ich wollte wissen, wer die Menschen sind, mit denen ich zusammenarbeiten werde.“ Von einer „Topdown-Logik“ habe er dann seinen Arbeitsbereich gemeinsam mit seinen Mitarbeitenden mit viel Freiheit in flache Hierarchien und schnelle Teams umgestaltet.

Er ist optimistisch und strahlt aus, dass sie als Team auch herausfordernde Nachhaltigkeitsthemen anpacken können. Er will zuhören, gewichten und Entscheidungen treffen, auch Hürden aus dem Weg räumen. Auf diese Weise will er für sein Team die passenden Bedingungen schaffen.

 

Als Christ möchte er zur Bewahrung der Schöpfung beitragen und dabei „nach vorne gestalten“. „Es heißt ja immer, Nachhaltigkeit ist kompliziert und kostet viel Geld. Aber wir zeigen, das werteorientiertes Handeln zu wirtschaftlichem Erfolg führt. Wir arbeiten eng mit anderen Unternehmen, mit NGOs und der Politik zusammen. Gemeinsam können wir erreichen, dass wir nachhaltigere Produkte für einen größeren Markt erschwinglich machen. Denn der Preis ist für viele Kundinnen und Kunden immer noch ein wichtiger Faktor bei der Kaufentscheidung.“


Nachhaltige „Gamechanger“ groß machen

Ein Beispiel: Schon im Jahr 2005 habe Michael Otto die „Aid by Trade Foundation“ gegründet und mit „Cotton made in Africa“ nachhaltige Baumwolle marktfähig gemacht und KleinbäuerInnen durch Hilfe zur Selbsthilfe unterstützt, ihren Anbau ökologisch und ertragreich zu gestalten. Damals hätten manche Geschäftsführer bei Otto aber noch die Hände über den Kopf geschlagen: „Das können wir uns nicht leisten, da sind wir ja in zwei Jahren pleite!“ Heute sei in den von der Otto Group hergestellten und vertriebenen Textilien fast ausschließlich nachhaltigere Baumwolle enthalten.

 

Ein aktuelles Projekt, das Wollermann besonders spannend findet, ist „Traceless“. Das ist ein Kunststoffersatz, der aus natürlichen Rohstoffen besteht und komplett biologisch abbaubar ist. Er wurde von zwei Doktorandinnen an der Technischen Universität in Hamburg-Harburg entwickelt und ist für ihn ein „Gamechanger“, auch für die Verpackungsindustrie. Gemeinsam mit dem Start-up „Traceless Materials“ entwickelt OTTO plastikfreie Verpackungen, die im kommenden Jahr in der Praxis getestet werden sollen.

 

Laut Wollermann basiert eine gute Nachhaltigkeitsstrategie auch auf zuverlässigen Datenanalysen, besonders in einem breit aufgestellten, internationalen Konzern wie der Otto Group. Um die Daten der einzelnen Konzerngesellschaften auswerten und mit ihrer Hilfe Entscheidungen treffen zu können, „bohren wir gerade ein dickes Datenbrett“. Auch deshalb hat sich sein Team um weitere Tech-Kolleginnen und -Kollegen erweitert.

 

Manchmal sei es so einfach, etwas für die Nachhaltigkeit zu tun: „Wir coachen Textilfabriken in Bangladesch energieeffizienter zu arbeiten. Das bedeutet zum Beispiel: Die Boiler für Heißwasser vernünftig zu isolieren, damit der ganze Dampf nicht entweicht. Eine Fabrik hat dafür mehrere 100.000 Dollar aufgewendet und bereits nach zehn Monaten die Investition wieder ausgeglichen. Ab Monat elf spart sie also jedes Jahr Geld durch diese Maßnahme. Gleichzeitig verringert das unsere CO2-Bilanz als Unternehmen“, sagt Wollermann.

 

Ein weiteres Projekt, das ihn begeistert, ist „toMOORow“. Zusammen mit vielen großen Unternehmen wie beispielsweise Obi, Strabag und Procter & Gamble hat die Umweltstiftung Michael Otto gemeinsam mit der Michael Succow Stiftung die „Allianz der Pioniere“ gegründet. Sie setzt sich für die Wiedervernässung von Mooren ein und möchte Wertschöpfungsketten aus Paludi-Biomasse, die aus Nasswiesengräsern gewonnen werden, etablieren und ausweiten. „Wir nutzen Paludi-Biomasse, um daraus Versandkartons herzustellen. Gleichzeitig schützen wir Moore, die – solange sie nass sind – etwa doppelt so viel Kohlenstoff speichern wie alle Wälder dieser Erde zusammen. Diese Kombination aus Moorschutz und landwirtschaftlicher Nutzung ist für uns ein vielversprechender Weg. Mit den anderen Unternehmen zusammen können wir dabei viel mehr bewirken als allein.“

 

Dankbarkeit zurückgeben

Dafür steht Tobias Wollermann morgens gerne auf, auch um sechs Uhr, selbst wenn es wegen einer Kulturveranstaltung am Abend zuvor spät geworden sei. In seinem Leben ist immer noch viel Musik – nicht nur wenn er sich zum Entspannen an seinen Flügel setzt. Er ist mit Anja Würzberg verheiratet, die Journalistin leitet den crossmedialen Programmbereich Kultur beim Norddeutschen Rundfunk. Sie hat zwei Töchter mit in die Ehe gebracht, inzwischen 24 und 28 Jahre alt, die für ihn „wie seine eigenen Kinder sind“. In ihrem gemeinsamen Zuhause in Hamburg sind die Terrasse und der Garten seine Lieblingsplätze.

„Ich bin sehr dankbar dafür, in welcher Freiheit ich leben und wie ich arbeiten kann. Diese Dankbarkeit zurückzugeben, ist mir sehr wichtig“, sagt er.

 

Immer freitags vor acht Uhr gönnt sich Wollermann einen Einkauf auf dem Wochenmarkt. „Ein bisschen schlendern, gutes Obst und Gemüse aussuchen, und an den Ständen mit den Leuten aus meiner Nachbarschaft schnacken – diese Zeit genieße ich.“


Erschienen 2025 in: gomagazin.de, Ausgabe 33 

 
 
 

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