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Die Freiheit zu reifen

  • Anne Albers
  • 16. Dez.
  • 5 Min. Lesezeit

Was hilft, wenn der Glaube nicht mehr passt? Der Theologe Martin Benz verlor in einer Krise seinen evangelikalen Glauben. Er fand Fragen, die ihn anders weiterglauben ließen.


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Martin Benz wollte als Gründer und Pastor einer wachsenden Freikirche in Basel alles richtig machen. Als seine Frau ihn mit den drei Kindern verließ, stürzte er in eine schwere Krise und erlebte, dass sein Glaube nicht mehr zu seinem Leben passte. Diese Erfahrung veränderte seine Theologie: Er wandelte sich vom »harten Hund« einer fundamentalistischen Frömmigkeit zum Prediger einer barmherzigen Kirche.


Als Ihre Frau Sie mit Ihren Kindern verließ und zu einem anderen Mann zog, waren Sie Pastor einer Freikirche. Konnten Sie noch Pastor sein?

Das kam völlig überraschend für mich und es war ein traumatisches Erlebnis. Ich dachte, wir wären ein glückliches Ehepaar! In dieser Zerbruchserfahrung war ich nicht sicher, ob ich noch Pastor sein will und darf. Aber meine Kirche hat mich fürsorglich begleitet und mir viel Zeit gegeben, das Scheitern meiner Ehe mit Hilfe eines Therapeuten aufzuarbeiten. Sie hat mich als „Geschiedenen“ akzeptiert, sodass ich dort noch 12 weitere Jahre als Pastor aktiv war. Ich habe sehr viel Barmherzigkeit erfahren. Seither sage ich: Kirche muss der barmherzigste Ort der Welt sein.

 

Haben Sie das vorher anders gesehen?

Ja! Mein Lebensmotto war: Erst korrekt, dann gnädig. Ich wollte alles richtig machen. So habe ich auch den christlichen Glauben verstanden. Vergebung, Erlösung und Segen – das waren für mich alles Resultate von korrektem Verhalten. Wenn ich Reue zeige, wird mir vergeben. Wenn ich bete, bekomme ich etwas. Ich mache etwas so, wie Gott es will, und dann reagiert er. So habe ich mir die Welt erklärt.

 

Das hat eine ganze Zeitlang für Sie funktioniert …

Ich habe als Mensch, Vater und Gemeindeleiter so funktioniert. Das hat viele Ansprüche an mich selbst und an andere mit sich gebracht. Einer der Kernwerte unseres Gemeindeverbandes war: »Den Armen dienen«. Damit konnte ich wenig anfangen, da Armut für mich immer etwas Selbstverschuldetes an sich hatte. Ich war ein harter Hund. Diese Einstellung brach zusammen, als ich in meiner Krise sehr viel Barmherzigkeit erfuhr. Obwohl ich kein „Vorzeigepastor“ mehr war und im Trennungsschmerz wenig leisten konnte, haben die Menschen in meiner Kirche zu mir gestanden. Das war ein wichtiger Wendepunkt für mich.

 

Was blieb von Ihrer Erwartung übrig, dass der Glaube ein gelingendes Leben schenkt?

Ich habe in meinem eigenen Leben und als Pastor im Leben vieler Menschen wahrgenommen, dass sich Leben und Glaube auseinanderentwickeln. Zum Beispiel wegen eines Schicksalsschlages oder einer schweren Krankheit. Mein alter Glaube sagte: Eigentlich müsste mein Leben doch ganz anders verlaufen! – Wie gehe ich damit um? Entweder lebe ich mit dieser Schizophrenie und inneren Spannung. Dann verliert der Glaube immer mehr an Relevanz, weil er immer weniger Bezugspunkte hat. Oder aber mein Glaube darf sich verändern.

 

Wie kann sich der persönliche Glaube verändern?

Mir haben drei Fragen geholfen, damit mein Glaube in meine neue Lebensphase mit umziehen konnte. Erstens: Was nehme ich auf alle Fälle mit? Was an meinem Glauben ist kostbar, tragfähig und klug? Was daran lässt mein Leben aufblühen? Das möchte ich mit in die Zukunft nehmen! Zweitens: Was entsorge ich?Was ist unbrauchbar an meinen Glauben? Was ist irrelevant, einengend oder gar toxisch? Das gilt es zu entsorgen! Und drittens: Was will ich mir neu aneignen? Welche Themen gibt es außerhalb meiner Bubble, die ich bisher tabuisiert habe, aber ein wichtiger Aspekt für meinen Glauben sind? Jetzt beschäftige ich mich endlich damit! Dieser Dreiklang hilft den Glauben weiterzuentwickeln.

 

Glaube kann also reifen?

Ich plädiere dafür, den Glauben nicht als Standpunkt, sondern als Reise zu verstehen. Zu Beginn des Glaubens ist es vielleicht naheliegend dualistisch zu denken: richtig - falsch, biblisch - unbiblisch, schwarz - weiß. Aber im Laufe des Lebens entdeckt man: Es gibt Graustufen! In ausgeprägt evangelikalen Kreisen ist der Glaube häufig ein unantastbarer Standpunkt, der »richtige« Glaube wird wie ein Diamant im Safe eingeschlossen. Aber in der Apostelgeschichte beschrieben sich die Christen selbst als »die, die des Weges sind«. Sie waren in Bewegung. Wenn ich meinen Glauben als Reise verstehe, gebe ich ihm die Freiheit zu reifen.

 

Hat sich auch Ihr Verständnis der Bibel gewandelt?

Ich habe die Bibel wörtlich verstanden. Das hat sich gewandelt, weil ich die Bibel wirklich gerne studiere. Zudem war meine Krise da ein Katalysator. Wenn man erkennt, dass die Bibel antik, vielstimmig und mehrdeutig ist, wird man nicht mehr versuchen, die eindeutige Lehre aus der Bibel herauszulesen. Ich lerne viel vom Judentum, dem es gelingt, die mehrdeutige Sichtweise der Thora zuzulassen und im Talmud unterschiedliche Auslegungen festzuhalten. Da kann ich mich selbst fragen: Was gilt für mich jetzt? Das wäre für mich ein reifer, mündiger Umgang mit der Bibel und ihren Geschichten.


Was erzählen Ihnen diese Geschichten?

Die Geschichten der Bibel deuten das Leben. In meinem sehr bibeltreuen Theologie-Studium an der privaten, evangelischen Hochschule „STH Basel“ ging es aber häufig darum zu beweisen, dass beispielsweise die Schöpfungsgeschichte historisch wahr ist. Denn ansonsten wäre sie ja erstunken und erlogen. Ich wünschte, mir hätte damals jemand gesagt, welche großen Menschheitsgeschichten die Bibel erzählt! Ob eine Geschichte wahr ist, zeigt sich für mich nicht daran, ob sie historisch wahr ist, sondern ob sie sich immer wieder im Leben bewahrheitet. Ein Beispiel: Viele Elemente der Erzählung von Adam und Eva bewahrheiten sich im Leben wie die wiederkehrende Versuchung, das Bösartige zu tun statt des Guten und Wertvollen. Oder es bewahrheitet sich, dass wir die Schuld auf andere schieben, statt Verantwortung für die eigenen Taten zu übernehmen – wie Adam in der Geschichte die Schuld auf Eva schiebt und Eva die Schuld auf die Schlange. 

 

Welche Fragen fordern Sie jetzt heraus?

Ich sehe in der Schöpfung, dass Pflanzen nur Frucht bringen können, wenn sie zuerst geblüht haben. Ich frage mich: Wie sieht eine Kirche aus, die das Leben zum Blühen bringt? Wie sieht generell die Kirche der Zukunft aus? Denn viele Leute empfinden ja: Da kann ich nicht mehr hingehen! Deshalb heißt mein nächstes Buch: »Wenn die Kirche nicht mehr passt«. Ein anderes großes Thema ist für mich die Radikalisierung unserer Welt, in der Autokraten und Diktatoren aus dem Boden sprießen. Christen spielen dabei erschreckend oft eine negative Rolle. Was für eine Kultur und Gemeinschaft brauchen wir, damit wir gefeit sind?  

 

Info: Nach 30 Jahren als Gemeindepastor arbeitet Benz (58) inzwischen als freier Theologe und Dozent, Autor und Referent. Mit seiner zweiten Frau Nina und ihren zwei Kindern lebt er in Lörrach. Über seine Erfahrungen beim Wachsen und Reifen im Glauben hat er verschiedene Bücher veröffentlicht (»Wenn der Glaube nicht mehr passt«, »Wenn der Glaube keine Kraft hat«). Seine Podcasts »Movecast« und »Lovecast« hören wöchentlich bis zu 4.500 Menschen.


Erschienen 2025 in: Anders Handeln, Ausgabe 3

 
 
 

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