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  • Anne Albers

Ketchupengel

Aktualisiert: 2. Dez 2020


Lametta mag den Mond und die Sterne. Und sogar die Dunkelheit, in der sie wohnen. Aber am liebsten mag Lametta das weiße T-Shirt ihres Papas, das ausgebeult ist von seinem Kugelbauch.



Das Shirt ist ihr Kleid, der Stoff umflattert ihre nackten Arme bis zu den Ellenbogen, kitzelt ihren Bauch und ihre bloßen Oberschenkel beim Gehen. Sie trägt dazu ihre Glitzersandalen, die mit dem Goldstaub. Wie ein Engel sehe ich aus, denkt sie, als sie über die buckligen Steinplatten vor ihrem Haus hüpft.


Hinter ihr quietscht es. Frau Hollenstedt macht das Fenster auf, lehnt sich mit ihren silbrig grauen Ellenbogen auf die Fensterbank und ruft: „Lametta, so kannst du nicht draußen rumlaufen. Zieh dir ne Strumpfhose unter das Shirt. Und eine Jacke drüber. Es ist kalt. Schau mal, die Pfütze da vorne ist gefroren.“

Lametta bleibt stehen und horcht, Frau Hollenstedts Stimme hört sich an wie Nebel. Das kommt von den Sorgen. Sie macht sich immer Sorgen. Auch um sie. Das fühlt sich meistens schön an. Aber jetzt kommt sie sich plötzlich komisch vor, gar nicht mehr wie ein Engel. Lametta schaut an sich runter. Dabei fallen ihre Haare vor ihre Augen wie zu weiche, verklebte Spaghetti. Die hat sie heute Mittag gegessen, mit Ketchup.

Lametta geht zur Pfütze. Sammelt ihre ganze Kraft in der rechten Glitzersandale und stampft auf das Eis. Es sirrt, sie stampft, es kracht. Lametta dreht sich zu Frau Hollenstedt, jubelt und hüpft auf einem Glitzerschuh. Der andere ist nämlich eisig nass. Frau Hollenstedt schüttelt den Kopf und lacht so breit, dass ihre Ohren ihre weiße Dauerwelle ein Stück nach oben heben.


„Komm, ich mach dir einen heißen Kakao!“, ruft sie. Sie rumst das Fenster zu, schiebt den Topf mit der lila Orchidee über die Fensterbank und klopft gegen die Scheibe.

Lametta nickt und winkt. Dann humpelt sie zur Eingangstür, sie mag die Zehen in der Eiswasser-Sandale nicht abrollen. Es surrt. Lametta stemmt sich gegen die verschrammte Tür. Die geht viel zu schwer auf für kleine Mädchen und alte Frauen, meckert Frau Hollenstedt immer, die mindestens so alt ist wie dieses Haus, wo Lametta und Papa ganz oben unterm Dach wohnen.

Licht fällt in den dunklen Hauseingang durch die offene Tür von Frau Hollenstedt. Es duftet süß und sauer aus ihrem Flur, Lametta rümpft die Nase.

„Das ist der Rotkohl, den muss man immer lange einkochen, damit er richtig gut schmeckt“, sagt Frau Hollenstedt. Lametta streift die Glitzersandalen auf der Fußmatte ab, spürt warme Luft an ihren nackten Armen und Beinen. Kalt sind die. „Komm, setz dich da an die Heizung.“

Lametta spürt den weichen Sesselstoff unter ihren Oberschenkeln, zieht die Füße hoch und die Knie unter Papas Shirt. Tannennadeln liegen neben dem Adventskranz auf dem runden Holztisch vor ihr. „Eins … zwei … drei Kerzen brennen“, zählt Lametta.

„Was sind denn das für rote Flecken?“, fragt Frau Hollenstedt, hält ihr den dampfenden Kakao hin und legt dann eine Decke um ihren Rücken.

„Was für Flecken?“

„Na, die auf deinem T-Shirt!“

„Ach, so. Ketchup. Ich hab Nudeln gegessen.“

„Na, dann ist ja gut“, sagt Frau Hollenstedt, geht kurz in die Küche, kommt mit einer silbernen Flasche zurück, schüttelt sie, und sprüht einen Kringel Sahne auf ihren Kakao.

„Lecker Saahne!“ Lametta stippt mit dem Finger in die Sahne, leckt ihn ab.

Frau Hollenstedt stellt die Sprühsahne auf den Tisch und setzt sich in den anderen Sessel. Guckt aus dem Fenster und dann Lametta lange durch ihre Lupenglasbrille an.

„Hat dein Vater kein sauberes Shirt für dich?“

„Manchmal schon. Aber jetzt nicht.“

„Wieso jetzt nicht?“

„Papa ist nicht da.“

„Wo ist er denn?“

„Ich weiß nich.“

„Wie, du weißt nicht?“ Frau Hollenstedt seufzt, beugt sich aus ihrem Sessel vor zur ihr. „Wie … wie lange ist er schon weg?“, fragt sie neblig.

„Gestern war er nicht da … äh … den Tag davor auch nicht … Und davor auch nicht, glaub ich“, sagt Lametta und schaut auf ihre Füße, die aus Papas Shirt ragen.


Frau Hollenstedts Gesicht ist starr wie die Eis-Pfütze, als Lametta sie ansieht. Das macht ihr Angst, sie will am liebsten stampfen. Da legt Frau Hollenstedt ihre Brille auf den Tisch, streicht mit den Fingern über ihre angemalten Augenbrauen und sagt warmleise: „Weißt du eigentlich, dass deine Haare so schön wie Lametta aussehen, wenn sie frisch gewaschen sind?“

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