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  • Anne Albers

Katharinas Art des Lebens

Aktualisiert: 2. Dez 2020

Katharina Breé kam als Kind von Polen nach Bayern. Dort war sie die Fremde und kämpfte lange darum anzukommen. Ein Lebensthema. Heute gibt sie Menschen eine Bühne und spricht mit ihnen übers Leben – mit ihrem Verein „ART des Lebens“ und ihrem neuen TV-Format „Boxgespräche“.



Was ist ihre Art des Lebens: Stadt oder Land? Ruhe oder Abenteuer? „Beides!“, sagt Katharina. Und in der Sonne sein, im Garten oder am Meer. Am liebsten mit Mann und Sohn. Einen Kaffee und was Deftiges zum Frühstück. Roter Lippenstift. Vor und hinter der Kamera arbeiten. Der Geruch von Lagerfeuer aus ihrer Kindheit. Das Gefühl von Freiheit. Das ist Katharina Breés Art des Lebens.

Raus aus dem kommunistischen System Katharina Breé, geboren 1980, wuchs in einer Plattenbausiedlung in Kattowitz in Polen auf. Das war ein einfaches Leben, denn sie hatten nicht viel. „Aber meine Eltern haben es geschafft, aus wenig viel zu machen.“ Zehn Jahre spielte sie zwischen den Häusern verstecken, sie war viel draußen und frei. Als sie zehn Jahre alt war zog sie mit ihren Eltern und ihren beiden Geschwistern in ein kleines Dorf in Bayern. Sie wollten raus aus dem kommunistischen System, ein besseres Leben aufbauen. „Brille“ war das einzige deutsche Wort, das Katharina kannte. Hoffentlich essen die Deutschen auch Kartoffeln, dachte sie. In Bayern war sie dann die Fremde und blieb es lange. Sie kämpfte darum anzukommen, wollte schneller und besser sein, um endlich dazu zugehören. Kämpfenmüssen ist für sie ein Lebensthema.

Menschen eine Bühne geben, die Fremde sind

Heute gibt Katharina als Kamerafrau und Moderatorin Menschen eine Bühne, die Fremde sind oder die in der Gesellschaft nicht ankommen – wie Flüchtlinge und Obdachlose. Mit Freunden gründete sie 2015 in Hamburg den Verein „ART des Lebens“, der Kunst und soziales Engagement miteinander verknüpft. Das geschieht zum Beispiel bei dem Musikabend „So klingt das Leben“ mit Obdachlosen, in der Fotoausstellung „Dein Nächster“ mit Bildern von Flüchtlingen oder in der Nähwerkstatt mit geflüchteten Frauen. Aber „ART des Lebens“ ist für Katharina mehr als ein Verein. Es ist für sie ein Lebensstil, der eng mit ihrer persönlichen Geschichte verwoben ist. Sie möchte Menschen ins rechte Licht rücken, mit ihnen übers Leben sprechen und erfahren, was sie in der Tiefe bewegt. Deshalb hat sie jetzt ein neues TV-Format entwickelt: Die „Boxgespräche“, die momentan auf YouTube zu sehen sind.

Gespräche in der Box mit „Stadtveränderern"

Seit 2016 teilt sich Katharina mit anderen Kreativen und Selbstständigen, mit christlichen und sozialen Initiativen das „Stadtveränderer-Loft“. Das ist eine Bürogemeinschaft im Hamburger Osten, die Arbeit, soziales Engagement und den christlichen Glauben miteinander verknüpft und positive Impulse in ihrem Stadtteil setzt. Deshalb der Name „Stadtveränderer-Loft“. Dort steht eine Stückgutbox, aus schlichtem Holz, grob zusammengenagelt. Sie ist eigentlich dafür gemacht, Waren von einem Hafen zum anderen zu transportieren. Aber hier ist sie ein Rückzugsort, wo man auf zwei Sesseln Platz nehmen kann. In diese Box lädt Katharina Menschen zum Gespräch ein, die mit ihren großen oder kleinen Initiativen in Hamburg etwas bewegen. Die wie sie und ihre Bürogemeinschaft „Stadtveränderer“ sein möchten: Wie Dominik Bloh, der bereits als Jugendlicher auf der Straße lebte, ein Buch darüber schrieb, und heute selbst Obdachlosen hilft. Oder wie der Musiker Sebastian Falk, der eine enge Freundin durch Krebs verlor und nun mit Charitykonzerten das Kinderkrebs-Zentrum in Hamburg unterstützt. Demnächst wird der Boxer Alexander Dimitrenko in der Box zu Gast sein.

Über das Leben sprechen

Engagierte Menschen wie ihn interviewt Katharina vor den rauen, zeitgeprägten Wänden des Lofts, auf der hohen Freitreppe mit Blick auf die S-Bahn-Gleise oder in der Stückgutbox, in der die Gespräche in die Tiefe gehen. Die Kameramänner von „ART des Lebens“ fangen die Gespräche ein. Dabei interessiert Katharina nicht nur, was ihre Interviewgäste tun. Sie will wissen, welche Geschichten hinter ihrem Engagement stecken. Welche Lebensthemen. „Das ist uns wichtig bei ART des Lebens: Über das Leben sprechen. Was hast du in deinem Leben erlebt? Wo hast du deine Verletzungen und Wunden? Was hast du daraus gelernt? Menschen, die sich sozial engagieren, haben eine spannende Lebensgeschichte, die sie antreibt. Das motiviert mich, in die Tiefe zu gehen und damit etwas aufzubrechen. Ich möchte Menschen berühren. Ich erlebe ganz häufig, dass Menschen in Kontakt mit ihren Gefühlen kommen und in ihnen etwas ausgelöst wird. Egal ob ich auf der Bühne bin und moderiere, Formate mache oder Interviews führe.“

Über das Leben sprechen, das ist für Katharina nicht selbstverständlich. In ihrer Familie lernte sie es nicht über ihr Innerstes zu sprechen. „Mit meinen Eltern konnte und kann ich nicht über Gefühle sprechen. Das ist bei uns wie eine Fremdsprache.“ Vielleicht wählte sie deshalb zunächst den Weg hinter die Kamera, in die Beobachterposition, in der sie die Distanz wahren konnte.

2002 schloss sie ihr Studium zur Kamerafrau an der bayrischen Akademie für Fernsehen in München ab. Da war sie 22 und hätte eigentlich durchstarten können. Aber dann trennte sich ihr damaliger Freund von ihr. „Als ich von meinem Freund verlassen wurde, kamen alle Verlustängste plötzlich hoch, auch aus meiner Kindheit. Ich wurde verlassen und kann nichts dagegen tun! Frisch nach meinem Studium merkte ich, dass ich meinen Alltag gar nicht mehr auf die Reihe kriegte. Ich ging zurück zu meinen Eltern und war arbeitslos, obwohl ich gut ausgebildet war und schon Jobangebote hatte. Aber ich musste alles abbrechen.“

Automatisch katholisch In ihrem Schmerz wandte sie sich auch an Gott. Denn Gott war ja irgendwie in ihrem Leben. „Als Polin ist man automatisch katholisch“, sagt sie und lacht. Bei ihren Eltern im Garten las sie ein altes, christliches Buch, das sie für einen Euro auf dem Flohmarkt gekauft hatte. Beim Lesen entdeckte sie: „Jesus war so ein freier Mensch und gleichzeitig Gott. Jesus war emotional unabhängig von den anderen Menschen. Er war nie angepasst, ist immer aus Mustern ausgebrochen. Er war mutig und hat sich in keine Ecke drängen lassen. Er hatte kein Korsett. Da will ich auch hin, dachte ich.“ In diesen Tagen begegnete ihr Jesus auch im Traum. Genau da, wo sie war. Im Bodenlosen. „Ich hatte das Gefühl, da fängt mich jemand mitten im Leben auf, Jesus erkennt und liebt mich durch und durch. Das war wie ein Kindergeburtstag. Das war eine Feier.“

Drang nach Freiheit

Ein Traumtag! Der war vor 14 Jahren. Seitdem begleitet sie diese Liebe und der Drang nach Freiheit. „Wenn ich merke, dass Druck entsteht und ich in ein Korsett gepresst werde, dann breche ich aus. Auch wenn ich in christlichen Gemeinden erlebe, dass man sich an gewisse Regeln halten und wie man als Frau sein sollte. Das geht mir so quer!“, sagt sie und beugt sich vor wie zum Sprung.

Nach ihrem Traumtag im Jahr 2004 legte sie noch eine lange Strecke zurück bis sie das Gefühl hatte, nicht mehr kämpfen zu müssen. Sie ist innerlich zur Ruhe gekommen. Auch durch die Beziehung zu ihrem Mann Lutz, den sie 2007 heiratete und mit dem sie eine eigene Medienproduktionsfirma führt. Und dann kam noch ein Lieblingsmensch dazu: ihr Sohn Lukas. Gemeinsam leben sie in einem ruhigen Ort, aber nur eine Straße von der Hamburger Stadtgrenze entfernt.

Vor die Kamera und auf die Bühne

In den letzten Jahren wagte sich Katharina Schritt für Schritt vor die Kamera und als Moderatorin auf die Bühne. Sie hat dabei immer noch großes Lampenfieber, aber fühlt sich lebendig, wenn sie sozial engagierten Menschen mit ihren Interviews Wertschätzung gibt. Oder Obdachlosen zeigen kann, dass sie gesehen und nicht übersehen werden.


Gerne wechselt sie auch wieder die Perspektive und stellt sich hinter die Kamera. Bei ihrem Seminar „Außenblick“, das sie Anfang 2018 startete, fotografiert sie Frauen und spricht mit ihnen über ihr Selbstbild. „Ich möchte den Frauen meinen Außenblick auf ihre Persönlichkeit schenken. Sie sehen sich ja von ihrer Innensicht und die ist leider oft sehr negativ. Und da sage ich: Ich sehe dich ganz anders. Mein Außenblick hilft den Frauen ihre inneren Negativbilder zu überprüfen. Aber es gibt natürlich einen größeren Blick – den Liebesblick Gottes. Dieses ehrliche Gesehenwerden, das mich viel freier und mutiger gemacht hat, möchte ich anderen Frauen weitergeben.“

Sie hat schon eine Idee, was noch kommen soll: „Mit ART des Lebens möchten wir aus den Boxgesprächen bald ein Bühnenformat machen. Da werden wir genau diese Themen im Gespräch mit beeindruckenden Hamburgern auf die Bühne bringen: Kunst, soziales Engagement und das Leben. Und wir wünschen uns, dass sich andere davon berühren lassen und selbst Stadtveränderer werden.“ Eine Location dafür hat sie bereits: Das Theater „Schmidtchen“ auf der Hamburger Reeperbahn. „Das wäre ein Traum, der für mich in Erfüllung geht! Und ich bin ja jemand, der an Träumen festhält und ihnen nachgeht.“

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