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  • Anne Albers

Männer auf Segeltörn

Auf der Suche nach ihrem Lebenskurs segeln Männer und Führungskräfte mit Dirk Schröder auf dem Mittelmeer und in der Karibik. Inzwischen bewerben sich namhafte Geschäftsleute aus aller Welt für die Törns des „Männer-Coachs“.



Seit mehr als zehn Jahren sind Sie »Der Männer-Coach«. Das klingt markant, vielleicht sogar ein bisschen dick aufgetragen. Ist das gewollt?

Als ich überlegte mich selbstständig zu machen und in einem Gründungscoaching von meinen Plänen erzählte, sagte eine Frau zu mir: »Mensch, Dirk, nenn dich doch ›Der Männer-Coach‹.« Die Idee kam also von einer Frau. Im ersten Moment empfand ich diesen Titel als zu stark. Aber dann merkte ich: Eigentlich bringt er es auf den Punkt. »Der Männer-Coach« klingt provokant und Männer muss man manchmal provozieren. Das funktioniert tatsächlich. Auch viele Medien sind deswegen auf mich aufmerksam geworden.


Warum brauchen Männer einen Coach?

Ich lerne viele Männer kennen, die innerlich getrieben sind und sich auch getrieben fühlen. Denn sie haben keine Ideen für ihr Leben und keine Vorbilder. Deshalb sind sie verunsichert bis orientierungslos.


Wie wird ein Mann ein Mann?

Mit Machogetue kann ich nichts anfangen. Das langweilt mich und stößt mich ab. Ich vergleiche gesunde Männlichkeit immer mit Vaterschaft. Stellen Sie sich den tollsten Vater vor, der seine Frau liebt und für seine Kinder sorgt. Der sich über sie freut, sie befähigt und ermutigt, auch wenn sie weiterkommen als er selbst. Deshalb wollen sie nirgendwo anders sein als bei diesem liebevollen Vater.


Das würden viele erstmal nicht als Männlichkeit verstehen.

Darauf backe ich mir ein Ei! Ich möchte Männer in ihrer Einmaligkeit stärken. Ich ermutige sie, ihre eigene Sehnsucht freizulegen und voll Freude in ihrer Lebensberufung zu laufen, damit sie eine Spur des Segens hinterlassen. Das ist für mich weit mehr als ein Job.


Es geht also um eine Segensspur?

Ja, Männer können als Väter Segen und Identität in ihre Kinder legen. Im Kern dreht es sich dabei um zwei Fragen des amerikanischen Autors John Eldredge, die mich vor vielen Jahren in dessen Buch »Der ungezähmte Mann« ansprachen: »Bist du der geliebte Sohn? Hast du es wirklich drauf?« Diese Fragen muss ein Vater seinem Sohn beantworten. Ansonsten eiert dieser sein Leben lang herum. Deshalb picke ich mir bewusst die Väter heraus und sage ihnen: Du hast ein Vorrecht und eine Verantwortung. Dann schauen sie mich meist verwundert an und sagen: »Das hat mein Vater doch auch nicht gemacht!« Da setze ich an.


Dafür gehen Sie mit Männern auch auf Segeltörns …

Ja, auf dem Schiff gebe ich Männern einen Raum, wo sie sich verdichtet mit ihren Lebensfragen auseinandersetzen können. Dieser Bereich der Coachingtörns ist stark gewachsen. Inzwischen nehmen Zweidrittel meiner Arbeit die Törns ein. Ein Drittel sind Coachings bei mir vor Ort in Eutin sowie Männertage in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Zudem gestalte ich zusammen mit meiner Frau Kirstin Ehe-Webinare, Ehe-Seminare und -Törns.

Ein großer Teil Ihrer Arbeit sind auch Segeltörns für Unternehmer...

Ja, seit sieben Jahren mache ich die »Kingfisher-Törns« für Unternehmer. Und ich habe den Eindruck, dass ich mich um diese Strategen kümmern soll. Inzwischen kommen sie von überall aus der Welt zu mir aufs Boot. Draußen vor meinem Haus in Eutin weht zwar noch die Männer-Coach-Flagge, aber dieser Bereich wird immer kleiner. Mein Schwerpunkt verlagert sich darum zunehmend vom Männer-Coach zum Unternehmercoach.


Was schätzen Unternehmer an Ihren Törns?

Ich bringe neun Unternehmer im Alter von 35 bis über 70 Jahren für eine Woche auf einer Segelyacht zusammen, damit sie sich auf Augenhöhe begegnen können und gestärkt zurück in ihren Alltag gehen. Wir genießen die wunderschönen Buchten von Kroatien, Sardinien oder in der Karibik, wo wir segeln, schwimmen und schnorcheln. Als Skipper und Coach schaffe ich einen geschützten Raum für die Unternehmer, in dem sie wirklich persönlich werden können. Bei jedem Törn erlebe ich, dass sie sich gegenseitig von ihren Krisen erzählen, von Problemen in der Ehe und mit ihren Kindern. Jeder Mann bekommt von mir ein Logbuch mit Fragen, das ihn während der Woche begleitet. Zudem gestalte ich am Morgen und Abend ein festes Programm mit Impuls und Austausch. Dabei peile ich mit den Männern die fünf Satelliten an, die ich auch in meinem Buch »Riskante Sehnsucht« beschrieben habe.


Was sind diese fünf Satelliten?

Die Satelliten sollen den Männern helfen, ihren Standpunkt im Leben zu bestimmen. Das sind die eigene Geschichte, die Sehnsucht, das Risiko, das Training und die Spiritualität. Diesen fünf Eckpfeilern kommen wir mit Fragen auf die Spur wie »Was geschieht gerade in meiner großen Geschichte? Was macht mich lebendig? An welchem Punkt habe ich das Risiko gescheut und die Herausforderung nicht angenommen? In welchem Bereich meines Lebens wachse ich gerade? An wen oder was glaube ich? Wie ist meine Beziehung zu Gott?« Ich erlebe, dass die Unternehmer beim Austausch voneinander lernen und verändert von Bord gehen. Ich hatte mal einen Teilnehmer, der sich die ganze Woche lang mit Übelkeit quälte und erst als ich ihn ans Steuer stellte, war sie plötzlich verflogen. Da hatte er die Erkenntnis für sich: Ich bin passiv geworden in meinem Leben und muss das Ruder meines Lebens wieder aktiv in die Hand nehmen.


Geht man sich in der Enge des Schiffes nicht auf die Nerven?

Ein Teilnehmer sagte einmal, dass er auf der Yacht die größte Freiheit auf engem Raum erleben würde. Trotz des begrenzten Raumes ist bei jedem Törn eine gute Haltung bei den Männern zu spüren, weil sie den Gewinn sehen und klar ist: Wir sind eine Crew und müssen zusammen funktionieren. Wir gehen bei Wind und Wetter raus. Mit den Elementen kannst du nicht verhandeln. Wir nutzen zwar eine der größten Yachten, die man überhaupt ohne fremden Skipper chartern kann, aber mehr Nähe als an Bord kann man nicht erzeugen. Ein Diplomat, der mich zu Beginn eines Törns pikiert wegen der Doppelkoje ansah, in der er schlafen sollte, nahm mich nach ein paar Tagen in den Arm und bedankte sich dafür, dass er in der gemeinsamen Zeit einfach er selbst sein durfte. Auch die Frauen der Unternehmer melden mir zurück, dass der Segen dieser Törns zuhause ankommt.


Wie geht es nach der Woche weiter?

Meine Törns für Unternehmer bauen aufeinander auf. Der Einsertörn »Identität« ist der Einstieg, den jeder Teilnehmer zuerst mitsegelt. Danach können sie den Zweiertörn »Meisterschaft« oder den Dreiertörn »Diamant« machen. Diese Männer, die eine Woche zusammen an Bord wachsen, haben eine Ebene miteinander und wenn sie sich irgendwo auf der Welt wiedersehen, können sie beieinander andocken. Dadurch entsteht ein Netzwerk an Unternehmern. Ich habe bereits 140 Männer mit meinen Kingfisher-Törns zusammengebracht. Zu ihnen halte ich Kontakt über lokale Treffen vor Ort, Videos und Visionstage, die ich für sie veranstalte.


Sie wollen diesen Männern helfen, ihre Identität zu finden. Wieso treibt Sie das an? Ich habe selbst einige Umwege gebraucht, um meine Identität zu finden. Das fing in meiner Jugend an. Meine Familie war sehr auf Leistung und Erfolg ausgerichtet. Ich war aber häufig überfordert in der Schule und fühlte viel Einsamkeit und Schmerz, weil ich dem nicht genügen konnte. Also versuchte ich dem Leben zu entfliehen, wollte einfach cool sein. Drogen waren die Schmerzbewältigung für mich. Die schlimmste Phase war zwischen 16 und 18 Jahren, in der ich kleinkriminell unterwegs war und Autoradios stahl. Deshalb gab es sogar eine Hausdurchsuchung der Polizei im Haus meiner Eltern. Das war furchtbar. Das einzig Schöne in dieser Zeit war, dass ich meine spätere Frau Kirstin kennenlernte.


Was haben Sie gebraucht, um Ihren Weg zu finden?

Gott als liebenden Vater zu erleben. Da ist meine Seele angekommen. Über einen Mitschüler kam ich mit dem christlichen Glauben in Berührung. Wir hatten menschlich zwar nicht viel gemeinsam, aber er sah, welche Fragen mich tief im Inneren umtrieben. Seine Eltern, die in der Nähe unseres Gymnasiums in Lübeck wohnten, liebten mich durch meine Drogenphase hindurch. Sie sagten zu mir: »Hey, mach deinen Joint aus und iss mit uns Abendbrot.« Kirstin und ich waren viele Abende bei ihnen, erlebten durch sie, was wahre Vaterschaft und Mutterschaft bedeutet. Ihre Echtheit und Offenheit – auch in ihrem Glauben – beeindruckte uns sehr.


Ihre Idee Männer zu coachen, entstand durch eine persönliche Krise. Wie kam es dazu?

Vor 15 Jahren leiteten meine Frau Kirstin und ich eine Schule des christlichen Jugendwerkes »Jugend mit einer Mission«, die wir in Eutin aufgebaut hatten. Zudem engagierte ich mich in der blühenden Pfadfinder-Arbeit an der Schule unserer Kinder. Mit dem damaligen Direktor war abgesprochen, dass ich auch meine christlichen Überzeugungen und Grundwerte in die Arbeit einbringen durfte. Aber dann verstarb er und plötzlich beschuldigte mich ein Leserbrief einer Frau in der Zeitung: »Wer ist dieser Dirk Schröder und was macht er mit unseren Kindern?« Dieser Brief löste eine große Welle aus und ich musste mich vor der gesamten Lehrerschaft erklären. Die Schulkonferenz, die von den Absprachen mit dem ehemaligen Direktor nichts wusste, wollte nicht, dass christliche Werte vermittelt wurden. Deshalb musste ich diese Aufgabe abgeben. Die öffentlichen Anfeindungen und der Druck trafen mich so brutal, dass ich in eine tiefe Krise und in Depressionen geriet. Deshalb legte ich meine Arbeit als Schulleiter und auch alle anderen Aufgaben nieder. Ich hatte »nur noch« meine tolle Frau, meine drei Kinder und meinen Halt in Gott.


Wie sind Sie damit umgegangen?

Vorher hätte ich immer gesagt: Ich definiere mich nicht über meine Leistungen. Aber ich musste erleben, dass man das erst behaupten kann, wenn tatsächlich alles weg ist. Auch unsere gesamte Existenz als Familie war gefährdet, da wir von Spenden lebten. Aber unsere Spenderinnen und Spender sind uns während der drei Jahre treu geblieben, in denen ich gegen die Depressionen kämpfte. Im ersten Jahr machte ich eine Gesprächstherapie und schaute nur darauf, dass mein Lebensfunke nicht ausging. Es war ein Kampf ums Überleben. Aber dadurch habe ich viel darüber gelernt, wie negative Gedanken funktionieren und wie ich ihnen widerstehen kann. Das ist ein großes Thema für mich geworden. In dieser Krise erfuhr ich durch meinen offenen Umgang damit, dass viele Männer gegen ähnliche Probleme ankämpften, sich aber keine Hilfe holten. Das motivierte mich zu meiner Ausbildung als Coach. Das war vor elf Jahren. Inzwischen ist ein kleines Familienunternehmen daraus geworden. Meine Frau Kirstin macht die gesamte Administration, da die Organisation der Törns sehr aufwändig ist. Unser Sohn Marvin kümmert sich um Werbung, Marketing und um die Young Professional Törns.


Worum geht es bei den Young Professional Törns?

Mit diesen Törns fördern wir junge Führungskräfte und Unternehmer zwischen 25 und 40 Jahren. Sechs Young Professionals können mitsegeln und werden die ganze Woche von drei gestandenen Unternehmern gecoacht. Sie stehen ihnen Rede und Antwort, sogar bis zum Hot Seat am Abend. Zudem sponsert mein Kingfisher-Netzwerk einen Teil des Törnpreises. Das ist eine geniale Chance für Männer, ihre persönliche Berufung weiter zu entfalten.


Erschienen in: gomagazin, Ausgabe 26 in 2023


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